Klettersteigset – Klettersteige sicher begehen
Von: Thomas Brunner- Regierung von Mittelfranken, Gewerbeaufsicht
In diesem Beitrag finden Sie
- Das Klettersteigset
- Einbinden
- Anwendunghinweise
- Kauftipp
- Vollständige Ausrüstung
- Fazit
Die meisten Einsätze machen hierbei sogenannte „Blockierungen“ aus. Hierbei kann der Klettersteiggeher weder vor noch zurück und muss aus der Wand geborgen werden. Daraus resultiert, dass Klettersteiggeher den Gesamtanforderungen des gewählten Klettersteiges in zunehmendem Maße nicht gewachsen sind. Wenn dazu wegen mangelnder Erfahrung und Ausbildung auch noch die Ausrüstung fehlerhaft gehandhabt wird, kommt es im Einzelfall zu tragischen Abstürzen mit tödlichem Ausgang. Der wichtigste Ausrüstungsgegenstand, der solche Abstürze verhindern soll, ist dabei das Klettersteigset.
Das Klettersteigset
Das Klettersteigset (KSS) unterliegt der Verordnung (EU) 2016/425 über persönliche Schutzausrüstung und dient allein dazu, einen tödlichen Absturz zu vermeiden. Hierzu muss es die Prüfanforderungen nach der EN-Norm 958:2017 erfüllen. Erst dann darf es das CE-Zeichen mit der Nummer der prüfenden Stelle tragen und in den Verkauf gelangen. Ein Klettersteigset ist daher keine Steighilfe oder ähnliches, um einen Klettersteig leichter und ohne entsprechende Ausbildung begehen zu können. Ein Klettersteigset ist, wie z.B. der Airbag im Auto, ein Einmalnotfallsystem und darf nach einem Sturz nicht mehr verwendet werden!!
Konstruktion

Ein modernes Klettersteigset besteht aus den Lastarmen mit Klettersteigkarabinern, Bandfalldämpfer und der Einbindeschlaufe. Bei den modernen KSS handelt es sich um sogenannte Y-Systeme (siehe Bild). Hierbei sind die beiden (meist flexiblen) Lastarme an einem Ende mit einem Klettersteigkarabiner verbunden (Bei der Verwendung am Klettersteig sind immer beide Karabiner gleichzeitig einzuhängen). Das andere Ende ist mit einem Bandfalldämpfer fest vernäht. Am unteren Ende befindet sich die Einbindeschlaufe zur Befestigung des Klettersteigsets am Klettergurt. Diese ist ebenfalls mit dem Bandfalldämpfer fest vernäht, so dass von der Einbindeschlaufe bis zum Karabiner eine feste, tragfähige Einheit besteht. Immer wieder kommt es zu Rückrufaktionen von Klettersteigsets. Informationen hierzu finden sich auf der Homepage des Deutschen Alpenvereins: https://www.alpenverein.de/Bergsport/Sicherheit/Warnhinweise

Bandfalldämpfer
Der Bandfalldämpfer besteht aus vernähten Bändern, bei denen im Sturzfall die Nähte ziehharmonika-ähnlich aufreißen. Auf diese Weise nimmt der Bandfalldämpfer die Sturzenergie auf. Nach der Norm werden Klettersteigsets, ähnlich wie Kletterseile, dynamisch im Fallprüfstand mit 40 kg und 120 kg bei einer Fallhöhe von 5 m geprüft. Dabei muss das Klettersteigset das Fallgewicht auf einer Strecke von 2,20 m und einem maximalen Fangstoß von 3,5 bzw.6 kN einmalig zum Stehen bringen können und auch halten. Das KSS darf auch erst ab einer Kraft von 1,3 kN (ca. 130 kg) ansprechen.
Dies soll verhindern, dass zum Beispiel beim Rasten im Klettersteigset durch das Eigengewicht des Klettersteiggehers der Bandfalldämpfer aufreißt und somit das KSS ausgetauscht werden muss.
Das Klettersteigset ist bei Beschädigung, d.h. wenn ein Teil der Bandschlingen aus dem Päckchen herausschaut (gerissene Nähte), sofort auszutauschen.
Neben dem Bandfalldämpfer sind noch Falldämpfungssysteme mit Bremsplatten und durchgefädeltem Seil im Umlauf. Hierbei besteht das Bremsprinzip aus Reibung. Die normativen Prüfanforderungen gelten hier jedoch genauso wie für Bandfallsysteme.
Achtung!
Von Eigenkonstruktionen aus genähten Schlingen, Reepschnüren und ähnlichem, wie sie insbesondere bei Kindern verwendet werden, ist dringend abzuraten. Diese Materialien sind nicht für Energieaufnahme konstruiert und nehmen nur statische Kräfte auf. Schwerste Verletzungen und Absturz sind im Ernstfall die Folgen!!!

Karabiner
Für moderne Klettersteigsets dürfen nur automatisch verriegelnde Klettersteig-Karabiner nach EN 12275, Typ K verwendet werden. Die automatische Verriegelung des Klettersteigkarabiners soll verhindern, dass der Schnapper beim möglichem Sturz offen ist, da in diesem Falle nur weniger als die halbe Bruchlast gewährleistet ist.
Der Verriegelungsmechanismus besteht aus einem einfachen Hebel, der gleichzeitig mit dem Schnapper betätigt werden muss. (siehe Bilder).

Neben dem CE-Zeichen mit Nummer sind auch die Bruchlastwerte in Längsrichtung mit27 kN (ca. 2700 kg), bei Querbelastung mit 8 kN und bei offenem Schnapper mit 10 kN angegeben. Je höher diese Werte sind, desto höher sind auch die Sicherheitsreserven im Belastungsfall. Die normativen Anforderungen zur Erlangung des CE-Zeichens stellen immer nur Mindestanforderungen dar.
Weiterhin trägt der gezeigte Karabiner zusätzlich noch das UIAA Zeichen („Union Internationale Associations d Alpinisme“). Die Anforderungen der UIAA Normen sind höher, als die für das CE-Zeichen. Aber für den Verkauf von Kletterausrüstung in Europa nicht zwingend erforderlich.
Besonderheiten
Die zur Zeit auf dem Markt befindlichen Klettersteigsets unterscheiden sich lediglich hinsichtlich der Bedienung und Gebrauchstauglichkeit. Das heißt, die Klettersteigsets sind mal länger, mal kürzer, die Karabiner unterschiedlich in Form und Handhabung. Manche Hersteller bieten zusätzliche integrierte Rastschlingen an, um auch einmal in der Tour verschnaufen zu können.
Gänzliche Neuerungen stellen Blockiersysteme dar, welche eine hohe Sturzweite bis zum nächsten Sicherungspunkt (bis zu 5 m möglich) verhindern sollen.
Für diese Blockiersysteme (ein Fabrikat ist auch zusätzlich zum Klettersteigset erhältlich, jedoch kein Ersatz dafür und nicht allein zu verwenden) gibt es aber keine eigene Prüfnorm. Diese sind nicht dafür konstruiert Stürze abzufangen, sondern um diese zu verhindern.
Einbinden
Das Verbinden des Klettersteigsets mit dem Klettergurt erfolgt mittels Ankerstich.
Hierbei wird einfach die Einbindeschlaufe des Klettersteigsets durch die Anseilschlaufe des Klettergurtes gesteckt und das ganze Set dann durch die Einbindeschlaufe hindurchgefädelt.




Achtung!
In der Regel wird beim Klettersteiggehen ein normaler Klettergurt, d.h. Sitzgurt verwendet. Bei Kindern oder schweren Personen bzw. Personen mit schweremRucksack ist die Verwendung eines zusätzlichen Brustgurtes oder eines Kombigurtes wegen des höheren Körperschwerpunktes generell zu empfehlen. Eine gefährliche Rückenlage im Sturzfall soll damit vermieden werden.
Anwendungshinweise
Bei gelegentlicher, sachgerechter Benutzung ohne erkennbaren Verschleiß beträgt die max. Lebensdauer in der Regel 10 Jahre. Für Metallprodukte, wie Karabiner ist die maximale Lebensdauer zwar unbefristet, liegt aber üblicherweise zwischen 3 bis 10 Jahren. Für Textilprodukte beträgt diese dagegen ca. 2 bis 5 Jahre. Gültig ist die vom Hersteller in der Bedienungsanleitung angegebene Lebensdauer.
Bei Sturzbelastung oder Beschädigung ist das Produkt sofort dem Gebrauch zu entziehen. Und einer sachkundigen Person oder dem Hersteller zur Prüfung und gegebenenfalls Reparatur zuzuführen. Instandsetzungen, sofern sie möglich sind, dürfen nur in Übereinstimmung mit dem vom Hersteller angegebenen Verfahren durchgeführt werden.
Kinder und leichte Personen
Durch die 2017 überarbeitete Norm EN 958:2017 werden nun auch besonders leichte oder besonders schwere Personen berücksichtigt. Die KSS werden nach er neuen Norm nicht mehr mit einer Sturzmasse von 80 kg sondern sowohl mit 40 kg als auch mit 120 kg getestet. Durch Erhöhung des Bremsweges auf 220 Zentimeter werden bei einem maximalen Fangstoß von 3,5 kN nun auch Stürze von leichten Personen und Kindern besser gedämpft. Beim Kauf eines Klettersteigsets für Kinder sollte also unbedingt darauf geachtet werden, dass diese nach der neuen Norm EN 958:2017 getestet wurden. Zusätzlich können Kinder bei Bedarf in besonders schwierigen oder steilen Passagen mittels HMS und Halbmastwurf mit einem Seil (Einfachseil, ca. 20 m) von oben nachgesichert werden.
Kauftipp
Da beim Klettersteiggehen die Karabiner bis zu mehrere hundert Mal umgehängt werden müssen, sollte man ein Set wählen, dass einem in der Handhabung der Karabiner besonders gut liegt. Eine integrierte Rastschlinge kann nützlich sein. Als zusätzliches Bauteil kann sie bei unsachgemäßer Handhabung aber auch zur Fehlbedienung führen.
Wenn das Set neben dem CE-Zeichen dann noch das UIAA Zeichen trägt, ist dies ein weiterer Pluspunkt. Die UIAA Norm schreibt nämlich neuerdings zusätzlich eine Nassprüfung im Falltest vor, um auch die Sicherheit bei Nässe und Wettersturz zu gewährleisten.
Vollständige Ausrüstung
Eine vollständige Ausrüstung beinhaltet:
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Klettersteigset
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Helm
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Handschuhe
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entsprechendes Schuhwerk
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Kleidung
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Notfallausrüstung
Wichtig ist auch eine entsprechende Ausbildung.
Klettersteigkurse werden von den Alpenvereinen sowie von privaten Institutionen vor Ort (Bergführer) angeboten.
Fazit
Stürze auf dem Klettersteig führen in der Regel zum häufigen Anschlagen am Fels. Entsprechende Verletzungen sind die Folge. Bei Unfällen mit Sturz in das Klettersteigset ist es deshalb unmöglich, die Tour fortzusetzen!
Diese Stürze können auch nicht wie im Sportkletterbereich trainiert werden (wer würde auch zum Testen seines Airbags mal kurz mit seinem Auto an die Wand fahren?).
Stürze sind beim Begehen von Klettersteigen unbedingt zu vermeiden. Eine entsprechende körperliche Vorbereitung und Ausbildung ist hierzu unabdingbar.
Bisher ist nur ein Unfall bekannt, bei dem es durch einen Materialfehler des Klettersteigsets zu einem Absturz des Klettersteiggehers kam. Um solche tragischen Einzelfälle zukünftig zu vermeiden, kommt es schon bei geringsten Anzeichen von eventuellen Schwachstellen am Klettersteigset zu vorsorglichen Rückrufaktionen der Hersteller. Diese Rückrufaktionen sind unbedingt zu beachten.
Mit über 1.600 eingerichteten Steigen im gesamten Alpenraum bietet das Klettersteiggehen faszinierende und vielfältige Möglichkeiten, um im alpinen Gelände unterwegs zu sein. Wenn mit dem nötigen „Know how“, entsprechender Ausrüstung und Tourenplanung an die Sache herangegangen wird, kann das Gesamtrisiko bei dieser Sportart deutlich gesenkt und das Vergnügen dabei erhöht werden.
Wir danken dem Deutschen Alpenverein / SiFo für die Unterstützung.
- Unfall: Unfallgefahren und Unfallschutz für den Verbraucher
- Alpinverlag: Sicher Klettersteiggehen
- Bergverlag Rother: Klettersteiggehen
- Verordnung über persönliche Schutzausrüstung VO (EU) 2016/425
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DIN EN 958 Bergsteigerausrüstung – Fangstoßdämpfer für die Verwendung auf Klettersteigen – Sicherheitstechnische Anforderungen und Prüfverfahren
- DIN EN 12275 Bergsteigerausrüstung – Karabiner - Sicherheitstechnische Anforderungen und Prüfverfahren
- UIAA Safety Standards
- Artikel "Klettersteig – Empfehlung" aus bergundsteigen.at (PDF)
- Bayerische Gewerbeaufsicht
- Deutscher Alpenverein (DAV)
- DAV Rückrufliste Klettersteigsets
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